Eine Erzählung

»Ich schieß dir in die Eier«, schrie Krefta, als er mit dem Ball am Fuß auf unser Tor zustürmte. Er hatte unsere Abwehrreihe durchbrochen, zum ersten Mal in diesem Spiel und das nur wenige Sekunden vor Abpfiff.

Maschmann hatte ihn nicht aufhalten können. Maschmann, der ungeheuer schnell laufen konnte, der sogar schneller lief als Krefta und ihm die Bälle vom Fuß wegspielte, ohne dass Krefta wusste, wie er das verhindern sollte. Doch diesmal hatte er Maschmann einfach umgerissen. Natürlich war das ein Foul, wir protestierten empört, aber der Schiedsrichter pfiff nicht, und jetzt war unser Sieg gefährdet, denn Krefta war wütend.

Krefta der Bulle, der einen Kopf größer war als wir, vor dem fast alle Angst hatten, weil fast alle wussten, dass es gefährlich war ihn zu reizen, und gerade jetzt war Krefta gereizt, das wusste auch Lülle. Lülle, unser Torwart, der nicht deshalb unser Torwart war, weil er flink und beherzt reagierte, sondern weil er groß war, genauso groß wie Krefta und als Einziger von uns mit den Fingerspitzen die Querlatte berührte, wenn er sprang, auch wenn niemand behaupten wollte, dass Lülle gut springen konnte. Lülle, groß und blond, stand aufrecht im Tor, starrte auf das Spiel, starrte durch seine graue Hornbrille mit den großen Gläsern, eine Brille, wie sie auch sein Vater trug.

»Ich schieß dir in die Eier«, brüllte Krefta und zog ab. Der Ball flog in gerader Linie auf Lülle zu. Lülle reagierte nicht, wartete, bis der Ball bei ihm einschlug. Es gab ein dumpfes, hässliches Geräusch, als die Kugel auf seinen Körper prallte. Im selben Moment klappte Lülle mit dem Oberkörper nach vorne, presste die Arme gegen den Schoß, stand für einen Moment regungslos, bevor er zusammensackte und den Ball unter sich begrub, unerreichbar für den heranstürmenden Krefta.

»Lülle!!«, schrien wir, »Lülle!!«, was für ein Torwart, eine Wucht, wir waren begeistert, »großartig«, lobte Pläcke, unser Kapitän. Das Spiel war aus, wir hatten gewonnen. Wir, die 7b hatten die 9c geschlagen, hatten einen Gegner besiegt, der zwei Klassen höher war als wir, das hatte es noch nie gegeben an unserer Schule.

Jubelnd stürzten wir auf Lülle zu, der lag auf dem Boden und krümmte sich. Wir griffen nach ihm, zerrten ihn hoch an den Armen, am Hals, »gehalten«, schrien wir ihm ins Gesicht, »uuooch«, stöhnte Lülle, es klang wie Gesang. Endlich stand er, mit hängendem Kopf, die Hände auf die Knie gestützt und rang nach Luft.

Er keuchte, hatte Schweiß auf der Stirn, sein Gesicht war blass. Wir hämmerten ihm auf die Schultern, tätschelten seine Wangen, »Klasse-Torwart«, hörten nicht auf, ihm das zu sagen, wussten, Lülle wollte nicht aufhören, das von uns zu hören, ein Lächeln huschte über sein Gesicht, während wir ihn stützten. Schon humpelte er ein paar Schritte, bückte sich, stöhnte, richtete sich auf, stemmte beide Hände in die Hüften, stöhnte, hob den Kopf in den Nacken, lächelte, humpelte ein bisschen, bückte sich, stöhnte, richtete sich auf, das immer so weiter, bis wir genug hatten und versuchten, ihn auf unsere Schultern zu nehmen. Doch dafür war Lülle einfach zu schwer.

Am nächsten Tag hatten wir Sport in den ersten beiden Stunden. Der Lehrer kam, stellte sich vor uns hin, lächelte, »so, ihr habt die 9c geschlagen, gutgut«, die ganze Schule also wusste davon.

Lülle ging breitbeinig an diesem Morgen. Er war entschuldigt und kam erst zum Beginn der großen Pause. Wir hatten uns versammelt, auf der Treppe zum unteren Schulhof, wo wir uns immer trafen. »Hei Killer«, Dettmar, der nicht dabei gewesen war beim Spiel, boxte ihm zum Spaß auf den Oberarm. Lülle setzte sich, stützte sich ab mit den Händen, hockte sich vorne auf die Kante. »Mit dem Fahrrad hier?«, wollte Maschmann wissen, »zu heiß heute«, sagte Lülle, fragte, ob Krefta noch was gesagt hätte.

Krefta stand weiter weg, am Ende des Schulhofs, neben ihm vier, fünf seiner Freunde, mit denen er sich ständig umgab. Sie unterhielten sich leise, hielten Rat, so jedenfalls sah es aus. Krefta schlug sich mit der Faust in die flache Hand, lief dauernd hin und her. Einen Sextaner, der ihm im Weg stand, stieß er grob zur Seite, wohl auch, weil kein Lehrer in der Nähe war.

Es war heiß an diesem Tag, schwül wie lange nicht mehr, in den Klassenzimmern stand die Luft. Wir saßen bei geöffneten Fenstern während der kleinen Pause nach der fünften Stunde und warteten auf Harz, unseren Lehrer. Noch immer redeten wir über das Spiel, lachten über die aus der 9c, als plötzlich Krefta im Zimmer stand. »Revanche«, stieß er hervor und verschränkte die Arme, »wir wollen Revanche, und wehe, ihr wollt nicht.«

Und ob wir wollten, natürlich wollten wir, »wir werden euch schlagen«, sagte Pläcke.

»Wir machen euch fertig«, Krefta spuckte auf den Boden, »heute in einer Woche, und wehe, ihr kommt nicht.«

»Was ist, wenn es regnet?«, wollte Lülle wissen, aber da hatte Krefta sich schon umgedreht, und auf jemanden, der ihn von hinten ansprach, machte Krefta keinen Mucks. Alle wussten das, auch Lülle.

Die Woche ging um, es regnete nicht, und wir trainierten dreimal. Lülle kam als letzter am Tag des Spiels. Er hatte eine neue Trainingshose an, eine mit langen Beinen und drei Streifen an der Seitennaht. Seine Mutter hatte ihm Gummibänder an den Saum der Hosenbeine genäht. Die Bänder hatte Lülle über die Schuhsohlen gezogen, jetzt saß die Hose straff und schlug keine Falten mehr. Lülle stellte sein Fahrrad ab und begann sich aufzulockern. Er ging in die Hocke, sprang hoch, warf die Arme in die Luft, trabte in Richtung Tor. Prüfend trat er gegen den rechten Pfosten, ging nach links, trat gegen den anderen, ging zurück, stellte sich in die Mitte und wartete auf den Anpfiff. Krefta gewann die Seitenwahl, wollte zunächst gegen die Sonne spielen. Also musste Lülle wieder raus, über den Platz ins andere Tor. Er ging langsam, hüpfte, drehte den Oberkörper mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, drückte das Kreuz durch, wobei seine Hose gut zur Geltung kam, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte.

Viele Zuschauer waren gekommen, auch aus anderen Klassen, selbst zwei Lehrer waren da. Es war heiß geblieben über die Tage, die Sonne glühte, und Krefta glühte auch, er war ganz rot im Gesicht.

Wir hatten Anstoß, spielten von Beginn an auf Sieg. Krefta spielte hart wie immer, drosch den Ball über den Platz, lachte, wenn er einen von uns am Körper traf, seine Mitspieler lachten mit. Wir kannten das, hielten dagegen, spielten nach vorne, in die Breite, schräg, manchmal auch nach hinten, spielten unberechenbar für den Gegner und einmal auch für Lülle, als der einen Rückpass übersah. Lülle stand gebückt, schaute auf seine Hose, unser Schreien ließ ihn aufschrecken. Er machte einen Riesenschritt, grätschte zu weit, und der Ball kullerte ihm zwischen den Beinen hindurch ins Tor.

»Mann, seid ihr blöd«, höhnte Krefta, und Pläcke verdrehte die Augen. Lülle schaute uns an, wir schauten Lülle an, winkten ab und spielten weiter, machten den Ausgleich, keine fünf Minuten später. Pläcke nahm eine Vorlage aus vollem Lauf und jagdte den Ball ins Tor, über den gegnerischen Torwart hinweg, der zu spät herausgelaufen war und sich vergebens in den Staub warf.

So blieb es bis zur Pause, und auch danach blieb es so, und es hätte so bleiben können bis zum Ende, doch es kam anders. Dabei sah es zuerst so aus, als sollte sich alles wiederholen. Krefta war in unseren Strafraum vorgedrungen, vor ihm nur noch Maschmann. Auf den stürmte Krefta zu, warf sich brutal nach vorne, wollte ihn treffen, doch Maschmann wich aus. Maschmann wich aus, und Krefta stürzte ins Leere, schlug der Länge nach hin, es knirschte, als er über den Boden scheuerte. »Du Sau«, Krefta riss wütend die Faust hoch. Maschmann stand starr, natürlich, das war eine Schwalbe, wir riefen sofort. Doch der Schiedsrichter pfiff, rannte herbei, pfiff wieder und entschied noch im Laufen auf Strafstoß, sein ausgestreckter Arm wies auf unser Tor.

Wir waren wütend, die Zuschauer schrien, wir schrien auch, umringten den Schiedsrichter. Krefta hatte sich sofort den Ball geschnappt, knallte ihn auf den matten weißen Punkt in der roten Asche, drehte sich um und stampfte zurück.

Lülle blinzelte zu uns herüber, wir schauten auf Lülle, auf den Schiedsrichter, auf Lülle, schauten auf Krefta und sahen ihn losrennen, sahen ihn unglaublich losrennen.
Krefta der Bulle, vor dem alle ein bisschen Angst hatten, flog heran, riss Löcher in die Luft, schrie, »ich schieß dir in die Eier«, rammte das linke Bein in den Boden und ließ das rechte Bein nach vorne schnellen. Ein Schuss knallte über den Platz, der Ball explodierte von Kreftas Fuß weg, raste direkt auf Lülle zu, der sich klein machte und dann blitzschnell reagierte. Lülle, unser Torwart mit den drei weißen Streifen an der Hosennaht hechtete zur Seite, streckte sich, riss sich auseinander, landete in der äußersten rechten Ecke, während der Ball über die Linie sauste, da, wo Lülle gestanden hatte, Lülle, der sich platt auf den Boden drückte, die Brille neben sich im Staub.

»Lülle!!«, was für ein Torwart, wir schrien entsetzt, »Lülle!!«, – dann waren wir still. Selbst Krefta blieb stumm, lief locker aus, schleuderte den rechten Arm wie einen Propeller und lief nach links weg eine weite Schleife.

Was sollte das? Was war passiert? Wir hielten uns die Köpfe. Natürlich, es war alles aus. Alles, alles war aus. Das Spiel war verloren, wir wussten das, Krefta wusste das, auch die anderen, und die Zuschauer, die pfiffen laut, winkten ab und gingen nach Hause.

Was los war, wollten wir wissen, umringten Lülle nach dem Schlusspfiff. Lülle, rot und weiß im Gesicht, schwitzte, zuckte mit den Schultern, stammelte etwas von Reflex, sagte, »die Sonne«, murmelte heiser, schwieg schließlich ganz. Im Hintergrund brach Krefta in wildes Johlen aus.

Wir schlichen vom Platz. Lülle hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, das Haar klebte ihm am Kopf. Ein lauer Wind wehte und brachte etwas Kühlung, keiner von uns sagte noch ein Wort. Es war vorbei, Lülle hielt den Blick gesenkt, starrte vor sich hin, und doch schien er irgendwie erleichtert. Sein Schritt blieb locker, uns war, als tänzelte er fast.

Foto: Phillip Kofler